1 Maria Schmidt - 02. bis 30 März 2004 2 3 4 5 6 7 8
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2003
urban sprawl

Maria Schmidt 
Maria Schmidts Arbeiten befassen sich u.a. mit der skulpturalen Abstraktion von Landschaft, für die sie auf architektonische Gestaltungsprinzipien und technische Konstruktionsweise zurückgreift.
Die Ausstellung "urban sprawl" beschreibt Urbanisierungsprozesse wie Flächenverbrauch und Bodenversiegelung etc. als bildliche Abstraktion.

Bild: "Oberes Feld", 2002/03
Material: Kunststofflaminat auf Hartschaum, lackierte Pappe, diverses Holzmaterial


Eröffnungsrede

Die Eröffnungsrede hielten Nicole Büsing und Heiko Klaas.

Die Ost-West-Straße ist sicherlich eine der meist befahrenen Straßen in Hamburg und gewiss auch eine der umstrittensten. Synonyme wie "der große Durchbruch", "der Schnitt durch die Stadt" oder "der hässliche große Graben" werden seit Jahrzehnten bemüht, um diese ursprünglich 2,23 Kilometer lange Entlastungsstraße für die Hamburger Innenstadt zu charakterisieren.

1991 ist sie offiziell etwas kürzer geworden. Der Abschnitt zwischen Zeughausmarkt und Rödingsmarkt heißt seitdem Ludwig-Erhard-Straße. Die etwas großspurige und rein sachliche Bezeichnung "Ost-West-Straße" kam übrigens durch einen Kompromiss zustande. Da man sich in der jungen Bundesrepublik weder auf die Beibehaltung historischer Straßennamen noch auf einen neuen Namen einigen konnte, blieb es bei der pragmatisch-kühlen Bezeichnung "Ost-West-Straße", die sich schon seit 1911 im Sprachgebrauch der Planungsabteilungen etabliert hatte.

Erste Pläne, dem "Sachzwang des ungehindert fließenden Verkehrs" die Schleusen zu öffnen, sind nämlich über 90 Jahre alt. Und Fritz Schumacher, der in den 20er Jahren Oberbaudirektor von Hamburg war und übrigens vor dem Ersten Weltkrieg den Durchbruch der Mönckebergstraße konzipiert und geleitet hatte, hatte auch für die Ost-West-Straße große Pläne.

Orientiert an amerikanischen Vorbildern, träumte man in den 20er Jahren noch von der Errichtung aufgestelzter Hochstraßen. Doch daraus wurde nichts. Schumacher wurde im Jahre 1933 von den Nationalsozialisten beurlaubt. Deren größenwahnsinnige Pläne, eine monumentale "Ost-West-Achse" zu errichten, wurden zum Glück ebenfalls nie realisiert. Doch die verheerenden Bombennächte im Juli 1943 hinterließen Trümmer und schufen Tatsachen. So konnten die Planer der Wirtschaftswunderjahre das ehrgeizige Projekt Ost-West-Straße wiederaufnehmen. Offiziell erhielt sie dann ihren Namen 1958.

Wozu gehen wir an dieser Stelle so ausführlich auf die Planungs- und Baugeschichte einer Hamburger Straße ein? Von den hier Anwesenden wohnt sicherlich niemand an der Ost-West-Straße. Einige von uns arbeiten hier, und die meisten von uns kommen hier regelmäßig vorbei: als Passanten, Rad- oder Autofahrer. Für die meisten von uns ist sie also Transitraum und Durchgangszone.

Eine ganz besondere Beziehung zu diesem Ort hat jedoch in den letzten Wochen und Monaten die Hamburger Künstlerin Maria Schmidt entwickelt. Unten im Schaukasten präsentiert sie unter dem Ausstellungstitel "urban sprawl" ein monochrom hellorange eingefärbtes, netzartiges Gebilde aus Papier über die gesamte Länge und Höhe der Glasvitrine. Geübte Stadtplanleser und Kartografen werden es vielleicht sofort erkannt haben: Was auf den ersten Blick aussieht wie eine der berühmten geschlitzten Leinwände Lucio Fontanas oder wie ein weites Flussdelta mit vielen Neben- und Seitenarmen, ist in Wirklichkeit die Ost-West-Straße mit ihren Nebenstraßen. Die auf der Rückwand des Schaukastens grau hinterlegten Flächen repräsentieren die Bebauung in diesem innerstädtischen Areal. Die hellgelben Flächen wiederum stellen die Gleise im Bereich der Deichtorhallen dar.

Maria Schmidt hat den kartografischen Blick auf den Ausstellungsort und seine Umgebung ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt. Die Welt wird seit Jahrtausenden, besonders intensiv aber seit der Renaissance, auf Karten vermessen, erfasst, nachgezeichnet und gedeutet. Um sich ein subjektiv-eigenwilliges Bild von der Welt zu machen, sei es als Orientierungshilfe oder als artistischer Kommentar zur Möglichkeit und Unmöglichkeit des Navigierens von Nord nach Süd, von Ost nach West, beschäftigen sich gerade in jüngster Zeit auch verschiedene Künstler mit dem Thema der Kartierung.

Moderne Kartografen-Künstler sind also weltweit unterwegs. Und ihre Arbeiten konnten in den letzten Monaten in Ausstellungen wie "Mapping a City - Hamburg-Kartierung" im Kunstverein in Hamburg oder "Die Sehnsucht des Kartografen" im Kunstverein Hannover wahrgenommen werden. Maria Schmidt, die sich schon seit langem mit den Themen Landschaft, Kartografie und Wegestrukturen beschäftigt, sieht die Ost-West-Straße in all ihrer Heterogenität, mit all ihren Wunden und Narben, den wenigen modernistischen Juwelen im cool-eleganten "International Style" und den architektonischen Stilbrüchen als "moderne Stadtlandschaft".

"Das Wichtigste war mir die Nutzung des Ortes als Durchgangs- und Arbeitsort", erläutert die Franz Erhard Walther-Schülerin. Bei all der inhaltlichen Auseinandersetzung geht es Maria Schmidt vor allem aber um die formalen Aspekte ihrer Arbeit. Wer sich hier einmal umschaut, wird, abgesehen von einem Briefkasten, einer Hamburg-Flagge und einigen Leuchtreklamen und Maklerschildern in dieser Gegend wenige farbige Akzente entdecken. Man mag das auf hanseatisches Understatement zurückführen oder als typisch norddeutsche Tristesse verbuchen. Maria Schmidt jedenfalls bringt, für alle auch von Weitem sichtbar, eine Signalfarbe ins Straßenbild.

Die von ihr gewählte Farbe korrespondiert nicht nur mit der Farbgebung von Verkehrsschildern, sondern findet auch auf Stadtplänen und Landkarten häufige Verwendung. Durch das dezidiert malerische Vorgehen und den gekonnten Umgang mit Proportionen und Schichtungen im Raum grenzt sich Maria Schmidt in ihrer künstlerischen Praxis ganz bewusst von anderen Künstlern ab, die selbst in die Rolle von Stadtplanern, Sozialarbeitern oder Feldforschern schlüpfen. So konzeptuell ihre Vorgehensweise auch sein mag, Maria Schmidt bleibt in ihrer Arbeit dem Bild verhaftet. Sie immitiert keine wissenschaftliche Methodik und simuliert auch nicht den Blick des Urbanisten. Indem sie dies vermeidet, eröffnet sie sich die Freiheit, Dinge einfach wegzulassen, andere hinzuzuerfinden, verschiedene Realitäten zu überblenden, kritische, utopische und andere Räume zu schaffen oder, wie es die Pariser Philosophin Christine Buci-Glucksmann in ihrem 1996 erschienenen Buch "Der kartografische Blick der Kunst" formuliert: "das Anderswo im Hier zu entdecken und das Hier an einen anderen Ort zu versetzen."

Denn wer einmal genau hinsieht, wird erkennen, dass sich Maria Schmidt für "urban sprawl" einige Freiheiten herausgenommen hat, die sich so mancher Künstler-Soziologe vielleicht nicht herausgenommen hätte. Ähnlich wie auf kreisförmigen arabischen Karten des 13. Jahrhunderts hat sie nämlich kurzerhand den Süden nach oben und den Norden nach unten verlegt. Das aus der Fußgängerperspektive wahrnehmbare architektonische Chaos überführt Maria Schmidt in einen sauberen, dezentrierten und horizontlosen Schnitt, der das Durcheinander des historisch Gewachsenen, der stadtplanerischen Eingriffe und Durchpflügungen als abstrakt-konkreten Raum erfahrbar macht. Das englische Verb "to sprawl", das Maria Schmidt im Titel ihrer Arbeit verwendet, bedeutet übrigens so viel wie "sich erstrecken", "wuchern", "sich ausdehnen".

Ihre Arbeit im Schaukasten an der Ost-West-Straße macht eines deutlich: Karten oder Stadtpläne, egal ob sie als Messtischblatt oder als künstlerische Arbeit daher kommen, sind immer nur Interpretationen der Wirklichkeit. Sie sind Ersatz, Modell oder Projektion, besitzen Verweischarakter und erfüllen Stellver-treterfunktion. Abstrakt in dem Sinne, dass sie eine "unähnliche Ähnlichkeit" transportieren, sind sie eigentlich immer. Doch wenn gute Künstler mit ihnen arbeiten, können sie zu narrativen Szenarien, zum ästhetischen Erlebnis und zum utopischen Gegenentwurf werden.

Maria Schmidts dreidimensionales Bild "urban sprawl" ist ein raffiniertes Spiel mit den vorgefundenen Strukturen und komplexen Formen des städtischen Raumes. Sie lädt dazu ein, den Schaukasten immer wieder abzuschreiten, Flächen, Leerstellen, Farben und Konturen aus den verschiedensten Perspektiven zu betrachten - wer will kann, dabei über verfehlte Stadtplanung, Flächenverbrauch und Autoverkehr reflektieren. Den Betrachter auf solcherlei Eindeutigkeiten oder Urteile festzulegen, liegt Maria Schmidt jedoch fern.




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