3 Stefan Canham - 27. Mai bis 22. Juni 2003 1 2 4 5 6
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2003
2004
Wägen


Stefan Canham
 ZeitBewegungen: Fotogalerie
Die Fotoserie "Wägen" zeigt das Wohnen im Bauwagen als eine in Deutschland einmalige Form des Street-Designs und der alternativen Architektur. Die klare Gliederung der Serie, in den gesamten Baukörper erfassende Außenaufnahmen und streng zentralperspektivische Ansichten der Innenräume, arbeitet die skulpturalen Qualitäten der Wägen heraus und vermeidet gleichzeitig jeden Anschein von Sozialreportage. Der zehn Meter lange Schaukasten Ost-West-Straße 57 wird mit sieben großformatigen Fotoabzügen - vier Innenansichten und drei Außenaufnahmen - in einen virtuellen Bauwagenplatz verwandelt.


Eröffnungsrede

Von Goesta Diercks

Oft genug ist es ja so, dass die Arbeiten, die uns von Künstlern vorgestellt werden, obwohl anders intendiert, von den jeweiligen gesellschaftlichen bzw. politischen Gegebenheiten in ihrer Rezeption, ihrer Wahrnehmung bestimmt werden. So werden sich auch alle hier Anwesenden schon vorher ein Bild gemacht haben, von dem was jetzt hier als fotografisches Bild vor Ihnen hängt, und sicherlich werden Sie auch irgendwie versuchen in Canhams Fotografien dieses vorgeprägte Bild bestätigt zu finden.

Was also ist zu sehen? Formal handelt es sich um 3 hochformatige Außenaufnahmen und 4 querformatige Innenaufnahmen von verschiedenen Bauwagen. Die Innenaufnahmen sind in Zentralperspektive langzeitbelichtet, der gesamte Innenraum ist in ein warmes Licht getaucht und alle Details sind gut zu erkennen. Die Außenaufnahmen zeigen das Objekt in Totalität. Die Wagen stammen von unterschiedlichen Bauwagenplätzen, z.B. der Hebebrandtstraße in der City-Nord, wo die "Borribles" leben, dem Wendebecken in Barmbek, dem Gelände einer alten U-Boot-Versuchsanlage (hier steht einer der legendären Bambule-Wagen) und der Henriette in Eimsbüttel. Stilistisch könnte man die Interieurs mit Begrifflichkeiten wie "inszenierte Romantik", "überbordende Rauminstallation" im "Asia-Look" oder "dunkelholziger Minimalismus" beschreiben. Von außen erkennen wir einen handgemachten Doppeldecker und wildgewachsene Architektur-Zitate wie z.B. eine modernistisch geschwungene Front, und eine Formsprache, die an die Casa Malaparte erinnert.

Für eine kunsthistorische Einordnung der Fotografien drängt sich zunächst die jüngere deutsche Architekturfotografie, und hier zuallererst die Arbeit von Bernd und Hilla Becher auf, deren Typologien von Gebäuden skulpturaler Qualität als geradezu stilbildend zu bezeichnen sind. Wichtiger als Bezugspunkt erscheint aber Walker Evans, der in den 1930er Jahre im Auftrag der Farm Security Administration bzw. der Resettlement Administration die Lebensbedingungen bzw. die Behausungen der Landbevölkerung Nordamerikas dokumentierte.

Canham lehnt zwar den Begriff der Sozialdokumentation bzw. Sozialreportage für seine Arbeit vehement ab. Trotzdem kann man eine Anmerkung aus einem Katalog-Text zu Walker Evans getrost anführen: "Es entsteht eine Ambivalenz der Bilder darüber, dass alltägliche einfache Gegenstände in solcher Klarheit und Detailgenauigkeit gezeigt werden, dass sie eine in ihrem gewohnten Kontext nicht bemerkte Präsenz gewinnen. Dies verweist auf eine kulturelle Energie der Menschen, die diese Gegenstände geschaffen haben und sie benutzen."

Dies könnte ein möglicher Ansatz für die Rezeption der Canhamschen Arbeiten sein. Auch seine Fotos zeigen klar und deutlich Alltäglichkeit, die von der vermeintlichen Exotik des Ortes zwar eine leichte Brechung erfährt, aber eben doch deutlich auf die kulturelle Energie der Bewohner verweist, eine kulturelle Energie, die vom Hamburger Senat und einem großen Teil der Medien zuletzt als kriminelle Energie verunglimpft wurde.

Sind Canhams Bilder dem Ursprung nach also agitatorische Arbeiten? Zunächst nicht, vielmehr gründen sie sich auf eine zutiefst ästhetisierte Wahrnehmung urbaner Räume, die sich erklärt, wenn man einen Blick auf Canhams bisherige fotografische Arbeit, bzw. dessen fotografische Vorlieben wirft. So zum Beispiel die Fotografien von Katsuhito Nakazato, die in dem fabelhaften Buch "Portraits of Sheds" veröffentlicht sind und eine Vielzahl japanischer Schuppen in skurrilster Form und Farbe zeigen.

Im Blickpunkt stehen hier - neben ihrer lyrischen Anmutung- die Hütten wie Zeugen einer vergangenen Zeit als Fanal gegen die "Exzesse des modernen Lebens". Canham selbst hat sich in verschiedenen Ausstellungen mit der Begegnung von Natur und Architektur im urbanen Raum beschäftigt, so in der Serie "Treibhäuser" mit artifiziellen Landschaften, die in Innenräumen gezüchtet werden, und in der Reihe "Subjektive Landschaft" mit städtischen Unorten, Brachen und Leerstellen, die entweder der Stadtplanung entgangen sind oder sich in einem Übergangsstadium vor einer neuen Bebauung oder Nutzung befinden.

Interessanterweise sind dies oftmals jene Orte, an denen Bauwagen-Siedlungen entstehen oder die den Bauwagen-Bewohnern zugewiesen werden. Diese füllen dann die städtischen Leerstellen mit einer Architektur, die in Spontaneität und Improvisation einmalig ist, und die man unter dem Begriff "Street-Design" oder auch "Architektur ohne Architekten" fassen kann. Hierbei handelt es sich um Bauformen, die sich nur aus funktionaler Notwendigkeit und verfügbaren Material-Ressourcen speisen (z.B. ein Fernseher als Treppenstufe), und alle anderen sonst so dominanten Aufgaben von Architektur, nämlich die Repräsentation von Macht, Zeitgeist sowie der Rendite beiseite lässt. Die architekturale Erscheinung der Bauwagen funktioniert hier als ästhetischer Ausdruck selbstbestimmten Handelns und ist somit nicht nur bauliche, sondern auch soziale Skulptur.

Wie wichtig erscheint dies in einer Zeit, in der die Gesellschaft für Hafen - und Standortentwicklung (GHS) behauptet, "in der Hafen-City den Bürgern der Stadt Hamburg vielfältige neue Angebote städtischen Lebens, auch und gerade des Wohnens" zu machen. Obwohl in diesem Zusammenhang Stadtplanung beinahe ausschließlich als Wirtschaftsfaktor und Repräsentationsobjekt gesehen wird und Urbanität eben nicht zuallererst soziale und kommunikative Prozesse und eben alle Möglichkeiten urbanen Lebens bedeutet.

Und so haben wir den seltenen Fall, dass eine Kunst, die nicht von begrifflich-politischer Botschaft motiviert ist, sondern aus einem formal-ästhetischen Empfinden Gestalt angenommen hat, in der Lage ist, ein umso deutlicheres politischen Zeichen zu setzten. Kehren wir noch mal zurück zu Walker Evans: Etliche der Arbeiten für die FSA bzw. RA sind nach dem Krieg von der erzkonservativen Regierung auf eine schwarze Liste gesetzt worden, weil die von Evans dokumentierten Zustände nicht die öffentliche Meinung beeinflussen sollten.

Folgt man der Logik und Tradition dieser Zensur bzw. Manipulation der öffentlichen Meinung durch Regierende, müsste der Hamburger Senat Canhams Arbeiten schnellstmöglich aus dem Verkehr ziehen. Denn diese sind dazu angetan, die öffentliche Meinung in einer nicht gewünschten Weise zu beeinflussen bzw. zu revidieren, dahingehend nämlich, dass Canham zeigt, dass das Leben in und die Existenz von Bauwagen große Klasse ist. Mitnichten handelt es sich hier um einige "wenige Menschen, die 1,7 Millionen Bürger drangsalieren", wie Bausenator Mario Mettbach unlängst feststellte, sondern um einen einzigartigen kulturellen urbanen Impuls, der in den Canhamschen Arbeiten im günstigsten Fall ja auch Begehrlichkeiten wecken könnte hinsichtlich eines "So will ich auch leben".

Das macht schon neugierig auf die nächsten Ausstellungen hier, die auch kulturpolitisch vielleicht ein kleines Zeichen setzen können. Die in der Vergangenheit weithin Furore machenden Aktivitäten der Hamburger Kulturbehörde zur Kunst im öffentlichen Raum liegen in der derzeitigen politischen Lage ziemlich brach, und so ist es wichtig, dass man zumindest hier im Stadtraum noch etwas zu sehen bekommt, das nicht von Christo oder Jeff Koons stammen muss.


Zeitbewegungen 2003 - 2004