6 Julia Eltner - 09. September bis 05. Oktober 2003 1 2 3 4 5
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Security Pool


Julia Eltner
Julia Eltner setzt ihre Objekte in der Installation im Schaukasten wie neugierige Wesen ein, die teils wie Augen, teils wie Überwachungskameras den Betrachter und sein Umfeld auf äußerst merkwürdige Art zu beobachten scheinen. Diese Kunst handelt von der Wahrnehmung und ist selbst ein Wahrnehmungssystem. Julia Eltner kombiniert ihre raupenähnlichen Gebilde, die quer durch den Raum aufeinander Bezug nehmen, zu regelrechten Netzwerken. Verhaltensmuster und Querverbindungen zwischen Menschen werden heute in Milliarden von Datensätzen gespeichert. Vielleicht wissen die verspiegelten Objekte warum und wohin die 50.000 Autos an der Ost-West-Straße täglich unterwegs sind. Und vielleicht begegnen wir ihren "Blicken" auch bald unter Wasser?


Eröffnungsrede

Von Veronika Schöne

Im schwimmbadblauen Schaufenster an der Ost-West-Straße tummeln sich kleine, raupenförmige Getüme und scheinen munter mit dem vorüberziehenden Verkehrsstrom mitzuschwimmen. Oder gehen diese Gebilde gar nicht mit, sondern dagegen? Nicht in der Bewegung, sondern in der Haltung? Sehen sie nicht eher aus wie geheimnisvolle Geschwülste, die sich wie Blutegel an den Wänden festgesaugt haben und von hier aus mit ihren silbrig spiegelnden Augenstielen ihre Umgebung wie mit Sehtentakeln gleichsam mit ihren Blicken abtasten?

Julia Eltners Objekte sind eigentümliche Zwitterwesen. Zwischen Apparaten und Organismen, zwischen tot und lebendig, scheinen sie beides gleichzeitig zu sein, als sei die Technik selbst lebendig geworden und könnte doch nie den Status des Lebendigen erreichen. Dieses Gefühl der unerreichbaren Vollendung resultiert auch aus der raupenartigen Form: die Innengefäße von Thermoskannen, Dewar-Gefäße, scheinen sich aus ihren aus Styroporbahnen und Wachs gebildeten Hüllen herauszurecken und zu winden, sie scheinen sich ihrer entledigen zu wollen wie ein Schmetterlings seines Kokons, ihrer Hüllen, die doch ihre Körper sind und auch bleiben.

Die silbrigen Sehinstrumente spiegeln gleichsam ihre Umgebung, und eröffnen stumpfe, leere Blicke in hohle Körper, die deshalb so eigentümlich tot wirken, weil sie eben nur spiegeln, aber selbst nicht blicken können. Wie der tote Blick des Kameraauges, der nicht nur wegen des unberechenbaren Dahinters, der unkalkulierbaren Beobachtung unheimlich ist, sondern auch deshalb, weil er äugt, ohne zu blicken. Ein physiognomisches Fragment gleichsam, das Lebendiges nur aufruft, ohne es einzulösen.

Eltner verlebendigt durch die wurmkörperartige Masse und die sich ringelnden und krümmenden Bewegungen ihrer Gebilde dieses latente Unbehagen beim Anblick des technischen, toten Kameraauges buchstäblich, sie schafft Gebilde, die dieses Sehen regelrecht ver-körpern - ohne jedoch Lebewesen zu sein.

Hinter dem Sehen nämlich, auch dem technischen, verbirgt sich eine Fähigkeit von Lebewesen, die mehr ist als nur funktional: sie verrät auch unsere Persönlichkeit. Im Blicken und Erblickt-Werden geben wir nicht nur unsere Persönlichkeit in den Momenten heimlichen Beobachtet-Werdens preis, in denen wir uns unbeobachtet glauben und vielleicht deshalb gerade das tun, was unser Innerstes ausmacht. Nein, die Persönlichkeit verrät sich im Blick selbst: nicht umsonst sind die Augen seit je her ganz besonders Gegenstand von Charakterstudien, verraten Stimmungen und Gefühle, wie beispielsweise der tiefe Blick der Liebenden zeigt.

Der französische Philosoph Jean Paul Sartre hat gezeigt, dass Dinge uns nie anblicken. Wenn wir in einem Park sind, so Sartre, ordnen wir uns durch den Blick die Umgebung um uns herum als Mittelpunkt an. Wir fühlen uns von den Bäumen, Sträuchern und Wiesen nicht gestört und empfinden uns als allein. Auch das romantische Naturgefühl basiert auf dieser Form menschlicher Einsamkeit in der Natur, die uns eben eine andere Art von Gesellschaft leistet, als Menschen dies tun. Erst in dem Moment, wo ein anderer Mensch in unserer Blickfeld gerät, fließt unsere wohlgeordnete Welt aus, wie Sartre es ausdrückt, in die Richtung des anderen, der nämlich ebenfalls mit seinem Blick die Umgebung auf sich als Mittelpunkt hin ordnet.

Was also passiert, wenn Maschinen uns beobachten, die eben nur äugen, aber nicht blicken können? Sie erfüllen gewissermaßen die Bedingungen eines Sehinstrumentes, ohne etwas über sich selbst preiszugeben, weil es kein Lebewesen gibt, was sich preisgeben könnte, keine Persönlichkeit, die uns begegnen könnte.

Julia Eltners Zwitterwesen nun ergänzen das Leblose um das Lebendige, jedoch nicht um veritable Lebewesen, sondern nur um Elemente des Lebendigen. Mit ihren aus Styroporbändern gewickelten Leibern wirken sie ein wenig wie Wickelkinder, kleine Babys, wie werdendes Leben, das in den sich langsam herausschälenden Augententakeln fast sinnbildlich das Licht der Welt zu erblicken bzw. die Welt langsam zu erkennen scheint. Sie haben etwas niedliches, etwas putziges, wie sie sich da so räkeln und winden, als wollten sie spielen, aufkeimendes, sich ent-wickelndes Leben, dessen Bewegungen eher unbeholfene Neugierde verraten als bewusstes und zielgerichtetes Ausspionieren.

Niedlich, unheimlich und auch ein bisschen eklig sind die Getüme Julia Eltners also, zwischen steriler Technik und lebendigen Organismen. Mit diesen eigentümlichen und vor allem eigentümlich widersprüchlichen Assoziationen rufen die Getüme das auf, was wir bei den immer komplexer werdenden Überwachungsapparaturen empfinden - nämlich ein widersprüchliches Unbehagen zwischen Sicherheit und Ausgeliefertsein - und stellen gleichzeitig assoziativ Ver-körperungen dessen dar, was diese Überwachungsapparaturen tatsächlich sind - oder werden könnten: regelrechte lebendige, weil intelligente Strukturen. Als drittes scheinen die Getüme in ihrer scheinbar harmlosen Possierlichkeit auch eine Metapher der Verharmlosungsstrategien zu sein, die wir brauchen, um solche Entwicklungen wie in der Überwachungstechnologie überhaupt noch ertragen zu können - die uns zumindest von Politik und Industrie als harmlos verkauft werden.

Doch sind diese Getüme eher unförmige Wucherungen als Geschöpfe, eher Fragmente von Fleisch als Körper - und wirken daher auch ein bisschen wie genetische Manipulationen, wie geklontes Fleisch. Wenn man so will, kann man in dem Ausstellungstitel "Security Pool" daher nicht nur eine Anspielung auf die letzten Bereiche des Unsichtbaren, den Blicken Entzogenen wie dem Schwimmbad sehen - tatsächlich wirkt das Schaufenster am Sockelgeschoss des Bürohauses wie ein Einblick in das, was darunter ist, unter der Oberfläche, der Eingangsebene, dem Wasserspiegel - sondern man kann in ihm auch eine Anspielung auf den Gen-Pool sehen, jenem Sammelbecken der Möglichkeiten, aus dem man beliebig schöpfen und neu zusammensetzen kann - eine weitere Entwicklung, die unkontrollierbar zu werden droht - ähnlich wie der Wunsch nach allgegenwärtiger Kontrolle, der sich zu verselbständigen droht und sich damit geradewegs gegen sich selbst kehrt, ein Paradoxon, das sich in den paradoxen Schöpfungen Julia Eltners spiegelt.

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