1 Heike Hamann - 18. März bis 13. April 2003 2 3 4 5 6
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2003
2004
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Heike Hamann
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Hamann fixiert den Moment, wenn Zielobjekt (Scheibe) und das Fadenkreuz des Suchers deckungsgleich sind.

Das Videobild der automatischen Waffe vermittelt Gegenwart und Zukunft des bevorstehenden Einschlags des Projektils in sein Ziel. Betrachter, wie Opfer sind von der Handlung ausgeschlossen. Sind den Irrtümern, dem Krieg, ausgeliefert.

"Teleüberwachung in Echtzeit, die unermüdlich auf etwas Unerwartetes lauert in Banken, Supermärkten oder auf Sportplätzen, wo die Kamera die Rolle des Schiedsrichter übernimmt. ...die nicht allein den zivilen ..., sondern auch militärische und strategische Aspekte der Verteidigung betrifft."

"Die Industrialisierung der Vorbeugung, der Voraussicht, eine Art von panischer Antizipation, die die Zukunft festlegt..." Virilio

"...wenn man ein Ziel sehen kann, dann kann man es auch zerstören." U.J.Perry

"Die erste Kriegslist ist ......die Abschaffung der Erscheinung von Tatsachen, die Fortsetzung dessen was Kipling andeutete, als er erklärte: Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit." Virilio

Hinter Glas malt Heike Hamann in vergrößerter Form die poppig wirkende Struktur der Zielscheibe. Auf der an der Rückwand installierten Spiegel erscheint das Fadenkreuz. Die Spiegelebene vermischt die Positionen zusätzlich mit den vorbei eilenden Passanten und Autos.


Eröffnungsrede

Von Ludwig Seyfarth

Eröffnet wird hier eine Ausstellung in der sogenannten "Spiegel-Vitrine", die diesmal tatsächlich eine ist. Die Installation der Berliner Künstlerin Heike Hamann besteht nämlich im Wesentlichen aus zwei Elementen: aus Zielscheibe und Spiegel. Die Zielscheibe ist einmal auf den die Rückwand des Schaukastens ausfüllenden Spiegel gemalt, daneben ein zweites Mal auf der Scheibe vorn. Davor bzw. dahinter sieht man, den Blick ins Zentrum der Zielscheibe justierend, ein Fadenkreuz.

Das Ganze ist formal sehr ausgetüftelt, denn auf den ersten Blick ist gar nicht so viel zu sehen, aber auf den zweiten oder dritten Blick um so mehr.

Durch den Spiegel verdoppelt sich nicht nur imaginär der Raum des Schaukasten, sondern auch der Raum vor der Vitrine. Man sieht nicht nur sich selbst und andere Passanten, die gerade hier stehen oder vorbeigehen, sondern vor allem den Verkehr, der über eine der meistbefahrenen Straßen Hamburgs hier fast ununterbrochen entlang strömt.

Heike Hamann hat sich sehr sinnfällig mit dem geographischen Ort des Schaukastens auseinandergesetzt. Es ist kein Schaufenster an einer belebten Einkaufsstraße, auch steht er nicht auf einem U-Bahnhof, wo es in Hamburg schon häufig Schaukastenkunst zu sehen gab und gibt.

Die Südseite der Ost-West-Straße, auf der wir uns hier befinden, ist durch die Verkehrsachse deutlich vom Innenstadtbereich abgeschnitten, Fußgänger flanieren hier nicht, sondern meist sind nur Berufstätige unterwegs, die von der U-Bahn oder vom Parkplatz in ihre Büros gehen. Die weitaus meisten "Passanten" sind allerdings die Autofahrer, denen die Vitrine vielleicht beim Vorbeifahren auffällt. Das könnte durchaus sein, denn das von Heike Hamann ersonnene, klar konturierte Zielscheibenmotiv ist für eine flüchtige Wahrnehmung aus der Fahrt heraus gut gewählt. Klar erkennbare, weithin sichtbare Logos und Zeichen entsprechen einer Urbanität, deren Wahrnehmungsstruktur auf das Autofahren zugeschnitten ist, bei amerikanischen Städten bekanntlich noch weit stärker der Fall als bei mitteleuropäischen.

Gerade das Motiv der Zielscheibe, das einem statischen, fokussierten Sehen entspricht, bildet einen markanten, zeichenhaften Fokus für die schnelle, vorbeieilende Wahrnehmung. "Focus" heißt ja bekanntlich auch das jüngere Konkurrenzblatt des "Spiegel". Wenn sich auch die Wochenzeitschriftenmacher schlagkräftiger optischer Metaphern bedienen, machen sie deutlich, dass es ihnen um die Reflexion äußerer Vorgänge und um die Herstellung von Aufmerksamkeit geht.

Darum geht es in jedem Falle der Künstlerin Heike Hamann, und ich möchte noch ein wenig näher darauf eingehen, wie präzise sie hier vorgeht und Ebenen ineinander verschränkt.

Das Motiv der Zielscheibe ist extrem flächig, Musterbeispiel eines emblemhaften, nicht in die Tiefe führenden Motivs, das ja der amerikanische Pop-Künstler Jasper Johns neben der US-Flagge zur Ikone einer großflächigen, an den Wahrnehmungsstrukturen der massenmedial vermittelten Konsumwelt orientierten Malerei machte.

Nun setzt Heike Hamann das Zielscheibenmotiv jedoch in eine räumliche Beziehung, indem sie es durch die gemalten Fadenkreuze ergänzt, so daß man wie durch ein Zielfernrohr schaut und Menschen wie Dinge ins Visier nehmen kann, Spaziergänger, Radfahrer oder die Autos, die auf der Spiegelfläche wie auf einem Film vorbeiziehen. Die Künstlerin nutzt das extreme Breitformat des Schaukastens aus, um einen panoramatischen Effekt wie beim Cinemascope-Film zu erzielen.

Als Betrachter von Heike Hamanns Installation steht man mit dem Rücken zu dem, was man im Spiegel sieht, man beobachtet, ohne beobachtet zu werden, wird gleichsam zum "Verkehrsüberwacher". Überwachung findet heute meistens nicht durch menschliche Augen, sondern durch Video statt, und es ist oft gar nicht klar, ob überhaupt jemand hinschaut. Überwachungsvideo ist die dem Spiegel ähnlichste Form des Films, weil Überwachung an die unmittelbare Echtzeit gebunden ist. Der Spiegel zeigt nur Echtzeitbilder, weil er ja die Bilder, die er zeigt, bekanntlich nicht aufzeichnen kann.
Das Zielfernrohr eines Gewehrs hat eine Verwandtschaft mit dem Sucher der Kamera, eine Verwandtschaft, die im Kino oft eindringlich inszeniert wird. Eines der prägnantesten und morbidesten Beispiele ist der 1960 gedrehte Film „peeping tom“ des englischen Regisseurs Michael Powell, in dem Karlheinz Böhm einen Frauenmörder spielt, der seine Opfer in Echtzeit filmt, während er sie tötet.

Am 22. November 1963 richtete sich in Dallas ein Zielfernrohr auf den im Auto an einer Menschenmenge vorbeifahrenden John F. Kennedy, und er wurde tödlich getroffen. Immer noch bestehen erhebliche Zweifel, dass der damals als Täter verhaftete Lee Harvey Oswald wirklich der Schütze war. Die bis heute andauernde Suche nach dem Zielfernrohr des wahren Mörders von Kennedy basiert nicht zuletzt auf den zahlreichen Zielfernrohren beziehungsweise Suchern von Kameras, die sich zum Zeitpunkt der Tat oder kurz vorher auf den vorbeifahrenden Kennedy richteten und – so die Hoffnung – vielleicht zufällig den richtigen Täter irgendwo im Visier gehabt hätten, so dass er durch irgendwelche Touristenfotos oder Filmaufnahmen doch noch zu überführen wäre.

Vielleicht erscheint ihnen das als zu weite Abschweifung, aber ich wollte damit eigentlich nur andeuten, welche komplexen Formen von Sichtbarkeiten und Verborgenheiten sich speziell an öffentlichen Orten abspielen, und wir wissen schließlich auch nicht, wer uns hier vielleicht gerade im Visier hat. Auch der Schaukasten hier unten ist ein öffentlicher, ein weithin sichtbarer Ort. Darauf hat Heike Hamann mit ihrer Installation sehr bewußt reagiert. Mit eigentlich relativ wenigen und einfachen formalen Mitteln hat sie ein vielschichtiges Ensemble geschaffen, das die verschiedenen Wahrnehmungsebenen dieses Ortes in ein komplexes Spiel miteinander bringt.

Das macht schon neugierig auf die nächsten Ausstellungen hier, die auch kulturpolitisch vielleicht ein kleines Zeichen setzen können. Die in der Vergangenheit weithin Furore machenden Aktivitäten der Hamburger Kulturbehörde zur Kunst im öffentlichen Raum liegen in der derzeitigen politischen Lage ziemlich brach, und so ist es wichtig, dass man zumindest hier im Stadtraum noch etwas zu sehen bekommt, das nicht von Christo oder Jeff Koons stammen muss.


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