4 Uwe Ochsler - 01. Juli bis 27. Juli 2003 1 2 3 5 6
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2003
2004
private green


Uwe Ochsler - Private Green
Barbara Borgstädt
 ZeitBewegungen: Fotogalerie
In seiner Installation "private green" setzt sich Uwe Ochsler mit möglichen Wirklichkeiten auseinander, die hinter gestalteten "Grünzonen" im privaten Innenbereich lauern können. Hierbei handelt es sich nicht um reales, lebendiges Pflanzengrün, sondern um Dekorationselemente für Innenräume, die eine eigene Dynamik entwickeln: durch Kombination mit Texten, Textfragmenten oder nur einzelnen Sätzen eröffnen sich neue Blickwinkel. Vertrautes verläßt seinen angestammten Platz von Wahrnehmung und Wertigkeit, gerät in Bewegung und erstarrt in neuen Wirklichkeiten. So entstehen auf 10 Metern im Schaukasten an der Ost-West-Straße kleine Szenarien voll Absurdität, Harmonie, Trivialität oder des Schreckens.


Eröffnungsrede

Barbara Borgstädt

Haben wir in der vorhergehenden Ausstellung "Wägen" von Stefan Canham die Abbildung von Wirklichkeiten mit Hilfe der Fotografie erlebt, so setzt Uwe Ochsler heute genau den umgekehrten Prozess in Gang, indem er ein vorhandenes, gedrucktes Foto in Form einer Tapete benutzt, um unter Zugabe von Textauszügen eine eigene, neue Wirklichkeit zu schaffen.

Uwe Ochsler setzt sich in seiner Installation "Private Green" mit möglichen Wirklichkeiten auseinander, die in privaten oder geschäftlichen Grünzonen im Innenbereich lauern können oder wie hier in einer 10m langen Vitrine an einer der Hauptverkehrsadern Hamburgs. Ochsler schafft durch die Anbringung einer Fototapete mit einem Bergmotiv eine vermeintliche Idylle, erzählt vom Traum des einfachen Lebens, der dem Betrachter aus dem Hintergrund des Schaukastens entgegenspringt. Aber wo sind die Menschen? Vielleicht entdecken wir sie, wenn wir nur lange genug stehen bleiben und unsere Augen auf dem Foto der Tapete herumwandern lassen.

Wir entdecken Sennhütten im Bildhintergrund, den kleinen See im Vordergrund und da, neben den hohen schwarzen Tannen sehen wir ganz kleine längliche Pünktchen. Das könnten Menschen sein. Der Mensch kommt jedoch hauptsächlich durch die Textauszüge aus Groschenromanen ins Spiel, die vom Künstler intensiv gelesen, sorgfältig auf ihre Brauchbarkeit geprüft und ausgewählt wurden.

Lassen Sie sich ein auf die Verquickung eigener Gedankenketten angesichts des Bergidylls mit den dargebotenen Texten z. B. "Lange würde es nicht mehr dauern, und die Hirsche würden in den bunt flammenden Herbstwäldern röhren und orgeln." Vielleicht sind Sie erschrocken über manche Trivialität des Alltags oder auch die Harmonie, die Ihnen zuströmt oder Sie denken sich: "Was manche Leute für eine Fantasie haben, schlimm ist das." So können wir uns auch vorstellen, dass Betrachter - Fußgänger und auch Autofahrer - hier einige Sekunden auf ihrem Vorbeiweg verweilen und sich einen kurzen Gedankenurlaub gönnen, für eine kleine Weile abschalten vom Drumherum.

Ochsler schafft mit seiner pflegeleichten grünen Oase neue Blickwinkel auf kleine Szenarien des menschlichen Zusammenlebens. Ein paar Bemerkungen zu den Elementen der Ochslerschen Arbeit, den Ausschnitten aus Trivialliteratur und Tapeten: In Groschenromanen gibt es für'n Groschen Abenteuer. Bereits seit 1900 werden diese kleinen, seichten Lektüren in Deutschland vertrieben. Die Männer lesen bevorzugt handfeste Abenteuerromane (Western, Krimis, Sciencefiction) während sich die Frauen für Liebesgeschichten in jeder Form (Arzt-, Fürsten-, Bergromane) aus aller Welt begeistern.

Eine einfach Sprache und wenig verschlungene Geschichten kennzeichnen diese Form der kleinen Leseheftchen, die immer mit einem Happyend schließen und die Helden der Abenteuer immer siegreich aus ihren Verstrickungen und Intrigen hervorgehen, denn: "Helden sind immer begehrt." Die Romane, die für Uwe Ochslers "Private Green" herhalten mussten, bieten schon in ihren Titeln und Serien ganze Gedankenwelten an: HEIMATGLOCKEN, EDELWEISS ROMAN, EDELWEISS BERGROMAN, HEIMAT-ROMAN, DER BERGPFARRER. Da ist für jeden etwas dabei, wenn es heißt: "Sturmnacht auf der Alm" oder "Herzen sind zerbrechlich".

Diente die Tapete zu Beginn ihrer Geschichte ausschließlich dem Adel zur Ausgestaltung ihrer Schlösser und Burgen, als Kunstobjekt und zur Dokumentation der eigenen Herrscherzeit, so ist sie heute - durch die industrielle Herstellung - zu einem Massenprodukt geworden. Jedermann kann sich seine eigene Idylle in den Wohnraum zaubern, sich seinen eigenen kleinen Kosmos schaffen. Tapete kann genutzt werden, um die Wirklichkeit als Klischee und das Klischee als Wirklichkeit abzubilden.

Ganze Tapetenepochen machen Geschichte deutlich, wie die Abteilungen im Deutschen Tapetenmuseum in Kassel erkennen lassen. Da gibt es z. B. Panoramen der Geschichte, Paradiesische Gärten, Klassische Legenden oder auch Grausame Schlachten. Auch in der heutigen, modernen Zeit spiegeln Tapeten den Zeitgeist und die künstlerischen Trends wieder. Ab 1929 wurde z. B. die sogenannte Bauhaustapete mit zeit- und ornamentloser Gestaltung produziert. Zeitgleich gab es aber ebenso zartgliedrige, stilisierte Blumendekors des Jugendstilkünstlers Josef Hofmann.

In den 50er Jahren wurden "Künstler-Tapeten" aktuell, u.a. nach Entwürfen von Salvador Dali oder Emil Schumacher und Anfang der 90er wurden führende Designer wie Ettore Sottsass jr. oder Matteo Thun gebeten, neue Kollektionen zu entwerfen. Diese Fototapeten gibt es natürlich auch mit anderen Motiven wie Palmenstrände, Wasserfälle oder auch der Skyline von New York.

Ochsler schafft eine doppelbödige Inszenierung einer vermeintlich heilen Welt an einem extrem unwirtlichen urbanen Ort, der so gar nichts gemein hat mit dem abgebildeten Ausschnitt der Bergmotivtapete und den Auszügen aus der Trivialliteratur. Die Textfragmente erhalten eine neue Bedeutung, sind nicht mehr Teil des Originaltextes, sondern bilden in Kombination mit den anderen Textauszügen neue, zum Teil absurde Wirklichkeiten.

Die Fotomotive der Tapeten sind hier keine individuellen Erinnerungsbilder, die sich die Menschen in ihr Heim holen, sondern Platzhalter für konzentrierte Klischees in jedem von uns. Bei den Einen mehr bei den Anderen weniger. Sehnsüchte nach dem einfachen Leben auf einer Alm oder dem aufregenden Leben in einer Metropole sollen hiermit gestillt werden.

In einer Umgebung intensiver Urbanität mutet das vermeintliche Bergidyll dieser Vitrine besonders monströs an. Die Ost-West-Straße, die an dieser Kreuzung besonders verkehrsreich ist, bietet Uwe Ochsler ein konträres Ambiente, für seine ständige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit von Dingen, der tatsächlichen oder vermeintlichen Bedeutung von Realitäten, in seinem Werk. Wir fragen uns, was bringt einen Menschen dazu eine ganze Wand oder womöglich einen ganzen Raum mit diesen Fotomotiven auszustatten. "So glücklich wie hier war ich noch nie in meinem Leben." könnte eine Antwort darauf sein oder auch: "Unter diesem Licht schwinden die Schatten der Vergangenheit." So bleibt jedem Einzelnen nur, sich seine eigenen Gedanken zu diesen verschiedenen Ebenen von Realität und Wirklichkeit zu machen.


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