5 Tobias Regensburger - 05. bis 31. August 2003 1 2 3 4 6
Zeitbewegungen Vita und Fotos 0172-4104266
2003
2004
Das angebrochene Leben


© Tobias Regensburger
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Ein spontaner Satz, der gesprochen wurde: "Was macht man mit so einem angebrochenen Leben?" Für Tobias Regensburger ist es der Titel für einen Arbeitszyklus seit dem Frühjahr 2003.
Ich sitze auf dem Dach in der Sonne, trinke Kaffee und telefoniere. Wie meine ich das eigentlich, dass mit dem angebrochenen Leben? Würde ich jetzt jemanden fragen, wäre die Antwort: "Das fragst Du mich?" Also sollte ich bestenfalls erfolgreich weitermachen, gut bleiben, nicht nerven und alles entspannt beobachten. - Ist es jetzt halbvoll, oder ist es schon halbleer?


Eröffnungsrede

Von Albrecht Metzger

Meine Damen und Herren, ich spreche zu ihnen nicht als Kunsthistoriker, noch nicht einmal als Kunstkenner, sondern als alter Freund von Tobias Regensburger, der sein Schaffen über Jahre hinweg verfolgt hat. Entsprechend persönlich wird diese Rede geprägt sein. Das ist vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich fühle mich speziell bei dieser Ausstellung durchaus dazu berufen, die Einführung zu geben, denn sie scheint mir eine sehr persönliche zu sein.

Mich erinnert das Schaufenster dort unten sehr stark an das Zimmer von Tobias Regensburger. Ich meine damit nicht unbedingt nur seine jetzige Wohnung, die gleichzeitig sein Atelier ist, sondern seine Zimmer an sich. So lange ich Tobias Regensburger kenne, haben mich seine Zimmer an eine Mischung aus Müllhalde und Kunstwerk erinnert. Oder vielleicht sollte ich besser sagen - Sperrmüllhalde.

Tobias hatte und hat einen untrüglichen Instinkt für Dinge, die im Sperrmüll verborgen sind, und die sich irgendwann einmal zu Kunst verarbeiten lassen.

Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Sammler... So haben sich schon früh in seinen Zimmern alle möglichen Dinge angesammelt: Taschenlampen, Puppen, alte Altanten, Fahrradreifen, künstliche Zähne usw. Außerdem ist Tobias Regensburger ein leidenschaftlicher Sammler persönlicher Dinge, wie alte Pässe, Geldbeutel, Unmengen Fotos oder verbrauchte Stifte. In einem Interview sagte er einmal: "Dinge, die andere Leute wegschmei§en, sind mein Rohstoff." Diese Ausstellung mit dem Titel "Das angebrochene Leben" ist für mich eine Art Rückschau auf zwanzig Jahre Sammlerleidenschaft.

Bevor ich hier fortfahre, sollte ich vielleicht kurz den künstlerischen Hintergrund von Tobias Regensburger nachzeichnen. Er studierte Bildhauerei bei Jan Koblasa an der Muthesius-Schule in Kiel und hat dort 1994 Examen gemacht. Er hat sich früh von der klassischen Bildhauerei verabschiedet und Maschinen zugewendet - selbstgebastelten versteht sich. Er hat Gebrauchsgegenstände entworfen, die einem das Leben erleichtern, wie zum Beispiel die "Jogginghilfe", ein fahrbarer Untersatz, den man sich an den Rücken schnallen kann und der einem beim Laufen unterstützt. Zuletzt baute Tobias Regensburger Maschinen, die an Weltraumkapseln erinnerten.

Auch wenn mich die futuristischen Maschinen faszinieren, so ist es ein anderes Thema in der Kunst von Tobias Regensburger, das mir besonders nahe geht: nämlich der Umgang mit der Angst. Tobias hat schon früh einen recht makabren Humor entwickelt, der sich vor allen Dingen in seinen Zeichnungen niederschlug. Ich erinnere mich an eine Zeichnung aus der Schulzeit, auf der ein Säugling zu sehen ist, der einen Schnuller im Mund hat und auf dem Kopf eine Babymütze. Er sitzt auf einer Art Autositz, vor ihm ein Maschinengewehr mit übergroßem Zielfernrohr. So schießt der Säugling großkalibrige Munition durch die Gegend, die Überschrift zu dem Bild lautet: "Lasst die Kinder in Frieden spielen."

Das war der harmlose Beginn. Später kamen Dinge hinzu, bei dem einem das Lachen im Halsen stecken blieb, wie der Kopfschusssimulator oder die Schrumpfköpfe, die auch hier ausgestellt sind. Ein anderes Bild, das unglaublich ästhetisch und grausam zugleich ist, ist die Szene der Gehängten, die sie unten in dem Schaukasten finden.

Für mich sind diese Kunstwerke der Versuch, mit Ängsten umzugehen, die wir alle in uns tragen: Es ist die Angst vor Aggression, vor Gewalt, vor Krankheit und Deformierung, vor Verfall - letztlich ist es die Angst vor dem Tod. Und der Tod ist bekanntlich ein Tabu, dem wir gerne ausweichen. Tobias Regensburger hingegen nähert sich diesem Thema mit seinem makaber-liebevollen Humor: Er verformt alltägliche Gegenstände in kleine Monster, die einen auf den ersten Blick verschrecken, auf den zweiten zum lachen bringen, und die einem schließlich Leid tun. Ein Beispiel ist die kleine Puppe unten im Schaufenster, die ohne Kleidung dasteht, mit silbernen Haaren und einem Gesicht, das zu einer Fratze geschminkt ist. Eine Freundin nannte sie "Chucki die Mörderpuppe" nach einem gleichnamigen Horrorfilm.

Für mich ist das ein sehr menschlicher Umgang mit Angst, der viel Empathie für die "Opfer" verlangt; es ist kein sich Ergötzen an dem Tod oder an der schieren Hässlichkeit der Objekte, sondern es steckt dahinter immer auch die Liebe eines Schöpfers zu seinem Geschöpf. Bei manchen Objekten zeigt sich das allein darin, dass sie mit Körperteilen ausgestattet sind, die früher einmal engen Freunden von Tobias Regensburger gehörten. Dazu gehört zum Beispiel der Schrumpfkopf, der die Haare eben eines solchen Freundes trägt.

Für mich steckt in dieser makaberliebevollen Art des Umgangs mit dem Tod auch die Hoffnung, dass es so schlimm vielleicht nicht werden wird, wenn wir einmal aus dem Leben scheiden. Vielleicht verlangt uns der Tod sogar nur ein Lächeln ab, wir werden es sehen. Kürzlich verschickte Tobias Regensburger eine SMS an einige Freunde mit der Frage: "Was mache ich mit so einem angebrochen Leben?" Darauf gibt es zwei Antworten: Entweder ich breche es ab, oder ich breche neu auf.

Ich würde mich immer für die zweite Variante entscheiden. Denn die Angst vor dem Tod beinhaltet gleichzeitig die Liebe zum Leben. Und wenn wir in das hier ausgestellte Kunstwerk eine Chronologie reinbringen wollen, dann werden wir feststellen, dass das letzte Objekt, das Tobias fertig gestellt hat, der Hund ist, der ganz rechts im Schaufenster auf dem Laufband vor sich hin trottet. Er strahlt eine gewisse Gelassenheit aus. Alle paar Minuten läuft er los und schnüffelt den Boden ab, auf der Suche nach etwas, das ihn am Leben erhält, vielleicht eine Wurst oder einen weggeschmissenen Döner. Er wirkt dabei zuversichtlich und davon überzeugt, das zu finden, was er zum Überleben braucht. In diesem Sinne, Tobi: Schnüffel weiter!


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