2 Nana Schulz - 22. April bis 18. Mai 2003 1 3 4 5 6
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2003
2004
Macht und Medien


Nana Schulz
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In Ihrer Arbeit beschäftigt sich Nana Schulz mit der Präsentation von Macht in den Medien. Sie spielt auf die Unmöglichkeit der Vermittlung von Wahrheit durch die Medien an. Die Arbeit ironisiert in einem szenischen Ablauf die Inszenierungs-Fakten der Medienspektakel und bezieht sich konkret auf die gegenwärtige weltpolitische Situation.


Eröffnungsrede

Von Peter Tack

In ihrem Katalogvorwort zur 10. Dokumenta im Jahre 1997 forderte die künstlerische Leiterin Catherine David die Vertreter der zeitgenössischen Kunst auf, in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart Stellung zu beziehen. Themen wie Urbanismus, Territorium, Identität, Bürgerrechte, Staat und Rassismus, Globalisierung der Märkte und nationale Politik, Universalismus und Kulturalismus, Kunst und Politik rückte sie, in Anknüpfung an Positionen der 60iger Jahre, in den Mittelpunkt ihres Ausstellungskonzeptes. Dabei wandte sie sich gegen rein "ästhetische Positionen" der Kunst. Die Kategorie der "Schönen Künste" als anthropologische Grundlage der westlichen Zivilisation stand auf dem Prüfstand. Die Kunst sollte sich wieder aktiv in gesellschaftlich-soziale Prozesse und Zusammenhänge einmischen.

Nana Schulz, 1967 in Lübeck geboren, ist aus der Bildhauereiklasse Jan Koblasas an der Kieler Muthesiushochschule hervorgegangen. In ihrer Examensarbeit "Nanas Nachtgedanken" in der Kieler Produzentengalerie Prima Kunst im Jahre 1994 setzte sie sich mit dem Themenkreis Vergewaltigung auseinander. Im Jahre 2000 folgte eine Videoinstallation mit dem Namen "Lippe Detmold war ne wunderschöne Stadt", in der sie die Faszination, die von Waffen und Krieg für Kinder ausgeht, künstlerisch umsetzte. Immer dann, wenn ihre Kunst, im Sinne Catherine Davids "politisch" wird, sie ein Thema mit gesellschaftspolitischem Hintergrund an- bzw. aufgreift, kommt sie zu besonders pointierten und provokativen Aussagen, die regelmäßig Ausgangspunkt für ein Weiterdenken, eine Diskussion sind.

Nana Schulz' Arbeit setzt sich mit dem 2. Golfkrieg auseinander und ist die Weiterentwicklung einer für die Räume der Galerie Stücker in Brunsbüttel entwickelten Installation. Diese Installation, ebenfalls eine Stellungnahme der Künstlerin zu den aktuellen Ereignissen, ist bis zum 11. Mai in Brunsbüttel ausgestellt.

Steht in der Brunsbütteler Arbeit die quälende Zeit vor dem Beginn des Krieges mit seinen lächerlich-hilflosen TV-Ritualen im Mittelpunkt, versucht Nana Schulz heute die Fortschreibung ihrer ganz privaten Kommentierungen zum aktuellen Stand der Dinge.

Die Botschaft ist eindeutig, ja geradezu platt-banal: "Amerika fickt die Welt". Nicht die Freiheitsstatue verkörpert Amerika, sondern ein Hinterteil, ein Arsch. Er sitzt als Allegorie auf einem zerstörten Haus, hält kurz inne und überlegt, welche Fahnenstange er als nächstes aus dem Haufen der Bösen ziehen soll.

Nana Schulz baut auf der langgestreckten Raumbühne des Schaufensters ein theatralisches Tableau auf, das wie eine ins Dreidimensionale übersetzte Comiczeichnung daherkommt.
Gerade Comic und Karikatur verfügen mit ihren vorformulierten Zitaten über eine bereits stilisierte, triviale Formensprache. Sie sind jedem anderen Medium überlegen, wenn es darum geht, komplexere Botschaften pointiert auszusprechen und in kürzester Zeit allgemeinverständlich zu transportieren.

Die Reihe der bildenden Künstler, die sich für eine explizit politische Stellungnahme die Mittel der Karikatur zu eigen gemacht haben, und nicht zuletzt das Genre entwickelt und geprägt haben, ist lang.

Die Reformationskarikaturen Lucas Cranachs sind seit langem fester Bestandteil der Kunstgeschichte. Es sei auch daran erinnert, daß sich spätestens mit dem Werk William Hogarths die oft zur Karikatur tendierende Erzählung alltäglicher Ereignisse von den traditionellen Themen der Historienmalerei emanzipiert hatte. Die englischen Zeichner Thomas Rowlandson und James Gillray bescherten dem Genre mit ihren aggressiven, oft ordinär-vulgären Angriffen gegen das napoleonische Frankreich am Beginn des 19. Jahrhunderts eine ungeahnte Blütezeit. Nicht zuletzt sei an George Grozß erinnert, dessen Sittengemälde der Weimarer Republik aus dem Jahre 1926 mit dem Titel "Stützen der Gesellschaft" den Untergang einer ganzen Epoche auf den Punkt bringt.

Die Aufgabenstellung, auf ein Ereignis wie den Krieg mit künstlerischen Mitteln zu reagieren, ist schwierig und verlangt nach einer eindeutigen Stellungnahme des Künstlers.

Uns erscheint der Krieg auf dem Bildschirm wie ein - allerdings schrecklicher - Witz, mit irrealen unter Fälschungsverdacht stehenden Bildern und Informationen, die mit den Gefühlen der Zuschauer spielen.

Nana Schulz hat den Versuch unternommen, den Bann der ständig über die Medien auf uns hereinprasselnden Bilder zu brechen und diesen ihre ureigenen, auf Träumen und Erfahrungen basierenden Bildlichkeiten entgegenzusetzen. Sie spricht aus, was viele im Fernsehsessel denken: "Amerika fickt die Welt."


Zeitbewegungen 2003 - 2004